Brexit stört Logistikkette für Ersatzteile

Logistikkette für Ersatzteile auf den Brexit vorbereiten

Logistikkette für Ersatzteile auf den Brexit vorbereiten

16. September 2018
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Wie viel Vorbereitung braucht Ihre Logistikkette für den Brexit?

Mit dem Brexit wird die Logistikkette für Ihre Ersatzteile anders. Stand heute (16.09.2018) ist unklar, was tatsächlich passieren wird. Vermutlich werden ähnliche Regeln gelten, wie für die Europäische Freihandelsassoziation (englisch European Free Trade Association, EFTA). Und wie Richtung EFTA wird der Warenverkehr mindestens durch Zoll- und Steuer-Regelungen erschwert.
Im Moment wirkt es so, wie bei der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Denn obwohl es einen mehrjährigen Vorlauf gibt, starten die Aktivitäten scheinbar erst unmittelbar vor Inkrafttreten. Dabei dürfte es jetzt schon zu spät sein, die Logistikkette umzustellen von Kofferraum-Belieferung aus Deutschland auf ein neues Ersatzteillager in Großbritannien. Solche Überlegungen werden zusägtzlich dadurch konterkariert, dass es in UK kaum freie Lagerflächen gibt, das Vereinigte Königreich quasi ein "under-warehoused country".
Aus Sicht der verkleinerten EU wird die Logistikkette für Ersatzteile mindestens tangiert für

  • britische Lieferanten, die an EU-europäische Ersatzteilläger liefern,
  • Ersatzteilgeschäft aus der EU an britische Unternehmen, Händler und Niederlassungen,
  • britische Firmen, die Ersatzeile an europäische Instandhalter verkaufen.

Gerade der letzte Fall hat wegen des freien Warenverkehrs innerhalb der EU Konsequenzen. Bedurfte es bisher keiner besonderen Regelung, so handelt es sich zukünftig um einen Import. Aber nicht jedes Unternehmen kann oder will Import-Formalitäten für Ersatzteile durchführen. Und es wird etliche britische Firmen geben, die ohne EU-Repräsentanz (EORI) dastehen.


Der Warenverkehr

Wir starten mit dem Kern des Problems. Egal, was vereinbart werden wird, Sie müssen Zollanmeldungen erstellen und ggfs. Ausfuhr-/Einfuhrgenehmigungen einholen. Das heißt nicht, dass Sie auch jedes Mal Zoll zahlen müssten. Allerdings kann es selbst im Fall eines Freihandelsabkommens sein, dass Sie den präferenziellen Warenursprung berechnen müssen. Schlimmer noch: wenn Sie bisher präfenziellen Ursprung problemlos nachweisen konnten, dann könnte das zukünftig für Waren mit hohem UK-Anteil nicht mehr möglich sein. Dies gilt dann nicht nur für den Export in EFTA-Staaten.
Wenn Sie bisher nicht exportiert haben, dann sollten Sie sich darauf einstellen, die personellen und technischen Voraussetzungen für das Erstellen und Verwalten von Zollanmeldungen zu schaffen. Die Stichwörter hierzu sind z. B. die EORI-Nummer, das ATLAS-Nutzerkonto für die Abgabe elektronischer Zollanmeldungen und das elster-Zertifikat.
Speziell für Ersatzteile gilt: Schneller werden Sie dadurch nicht.

Das schaffen Sie selbst dann nicht, wenn Sie einen externen Zolldienstleister für die erforderlichen Zollformalitäten beauftragen. Sofern Sie diesen für Sie neuen Weg gehen wollen, sollten Sie nicht auf weißen Rauch von Herrn Barnier warten.

Besondere Verfahren

Wie haben Sie vor, bisher bestehende Wertschöpfungsketten mit UK weiterzuführen? Wollen Sie besondere Zollverfahren abdecken (z. B. Aktive u. Passive Veredelung)? Und kennen Sie die Verfahren für die vorübergehende Verwendung in UK?
Wenn Ihr Techniker Werkzeug und Teile mitnimmt, war das bisher wie von München nach Hamburg. Zukünftig werden Sie das Carnet-ATA-Verfahren nutzen müssen.

12. Oktober 2018, Erster Test gelaufen: Autobahn gesperrt, um sie als Parkplatz nutzen zu können
"The M26 in Kent is being shut overnight while work is done to see if it can be used as a "parking lot" for lorries, in the event of a no-deal Brexit. It will be closed from 2200 BST until 0530 BST until 15 October and again between 19 November and 21 December."
Gemeldet von der BBC


Gerade die Logistikkette für Ersatzteile ist anfällig für Datenfehler. Denn die Flut eingesetzter Warentarifnummern im Ersatzteilwesen in Kombination mit den Ursprungsländern setzt einen beachtlichen Pflegeaufwand voraus. Gleichzeitig darf in der Ersatzteillogistik keine Zeit verschenkt werden.
Hinzu kommt möglicherweise, dass beim Import nach Großbritannien englische Warenbezeichnungen verlangt werden könnten. Dann haben Sie Ihre Artikel hoffentlich normiert bezeichnet. Damit vereinfacht sich eine Übersetzung deutlich.
Alternativ, und eventuell ergänzend, eignet sich eine Klassifikation zur Ermittlung oder Eingrenzung der Warentarifnummer wie auch der Bezeichnung.

Am 17.10.2018 warnt Erik Jonnaert, Generalsekretär der European Automobile Manufacturers’ Association (ACEA), auf einer Pressekonferenz vor den drohenden Gefahren:
“Smaller companies in particular, that constitute important building blocks of the supply chain, do not have the internal systems, IT platforms or staff in place to deal with customs declarations, tariff classification, customs valuation, or calculations based on content origin. SMEs will be forced to deal with at least some of these issues if they want to continue to trade and serve their customers, facing additional financial and logistical risks.”
Wohlgemerkt, wir sprechen von Automobil-Zulieferern mit meist wenigen Teilen. So sieht die Automobil-Industrie auch durch Zollabwicklung und die damit verbundenen Stammdaten erhebliches Potenzial für Störungen des Lieferverkehrs.


Am 31.10.2018 macht Ellen Daniels, Head of public Affairs and Policy der British Coatings Federation auf die anstehenden Schwierigkeiten beim Import von Lacken aufmerksam, die der Zulassung durch das Britische Äquivalen der REACH Verordnung unterliegen:
“Even if it (das Zulassungsverfahren, Anmerkung des Verfassers) is identical, it will still lead to duplicated effort with additional resource needed. We assume that there will be additional costs associated with UK registration. These all make the UK a less-desirable place to do business in.”
Da Großbritannien u.a. die Regeln von REACH 1 zu 1 umsetzen will, bedeutet dies zusätzliche Zulassungsverfahren. Ohne diese ist der Import von Lacken nach UK ausgeschlossen.


Am 6.11.2018 veröffentlicht das Institut der deutschen Wirtschaft eine Studie, wonach 29 Prozent der befragten Unternehmen mit UK Export sagen, dass sie nicht vorbereitet sind. Schlimmer noch, 60 % aller befragten Unternehmen sagen, sie seien nicht vorbereitet.


Der Transport

Einen reibungslosen Transport erhoffen wir uns alle. Allerdings plant die britische Regierung schon heute mit Sonderregeln für die Wartezeit vor der Zollabfertigung: eine Autobahn als Parkplatz. Da praktisch der gesamte Verkehr von und nach UK per LKW erfolgt, spielen die Fähren über den Kanal eine herausragende Rolle. Eine sehr schöne Darstellung der Zusammenhänge rund um die LKW-Abfertigung an den Seehäfen am Kanal bietet die BBC an.
Die bisherigen Kabotage-Regelungen (britische Spediteure transportieren innerhalb der EU) werden sicher entfallen. Es kann daher notwendig werden, dass Sie Ihre Logistikkette selbst innerhalb der EU neu aufstellen müssen. Ein Milkrun wäre hier der typische Anwendungsfall.

Sie fliegen Ihre Ersatzteile nach Großbritannien?
Kein Grund für Entspannung. Die BBC berichtet am 24.9.2018:
"Flights 'at risk' under no-deal, government warns"
Und selbst am 05. Oktober ist der Stand eher bedenklich, denn "With months to go before the UK could drop out of the EU without a deal, the two bodies (die European Aviation Safety Agency (EASA) und der UK Aviation Regulator (CAA), Anmerkung des Verfassers) are yet to begin formal discussions."

Für den Luftverkehr werden ganz sicher die oft äußerst knapp gehaltenen Lieferketten in das britische Verteilnetz längere Durchlaufzeiten als bisher benötigen. Denn mit der Zoll-Abfertigung kommt ein neuer Zeitdieb in die Transportlaufzeit. Entweder wird die Nacht verlängert, was allerdings eher unwahrscheinlich ist. Oder Sie lassen früher abholen. Letztlich werden englische Kunden dann unter früheren Cut-Off-Zeiten zu leiden haben.

Aktuelles zur Luftfracht für Ersatzteile

Ein positiv erwähnenswertes Beispiel für die aktuell laufenden Vorbereitungen aus der Logistikkette für Ersatzteile von BDA. BDA ist spezialisiert auf den Lufttransport zwischen Großbritanien und "Mainland Europe". Status am 25.09.:
"BDA have been working closely with external consultants and industry experts to help guide both our clients and our business moving forward. In addition, we are becoming an Authorised Economic Operator (AEO) to ensure the seamless movement, for Customs Freight Simplified Procedures (CFSP), of our client’s freight into the UK and Ireland."
Zusätzlich laufen weitere Vorbereitungen:
"BDA is already discussing with several clients about putting on an additional daytime flight from Maastricht to Birmingham to beat any potential trucking route border queues at UK ports. Please let us know if you want to be part of this conversation to secure your capacity on this flight."


Die Verträge mit Ihren Händlern

Sie tun gut daran, neue und laufende Verträge mit Blick auf die mit dem Brexit verbundenen Risiken zu prüfen. Da noch niemand genau weiß, was kommen wird, hilft möglicherweise schon ein Interim-Vertrag. Rein vorsorglich können Sie zumindest klären, wie mit Zoll und Verzollungskosten umzugehen ist. Denn Ihre Incoterms werden für ein Drittland höchstwahrscheinlich nicht mehr passen. Ein Interessenausgleich ist jetzt, wo noch keine finanziellen Hürden aufgebaut sind, sicher weniger konfliktträchtig, als wenn die ersten Rechnungen auf dem Tisch liegen.


Gewerbliche Schutzrechte und Normen

Produktnormen und Standards

Großbritannien hat bereits die Regelungen der EU in nationales Recht übernommen. Also droht vermutlich für die Belieferung nach UK von dieser Seite kein Ungemach. Allerdings werden Unternehmen "auf der Insel" keine Standards mehr wie bisher bescheinigen können. Das gilt zumindest für Chemikalien, die der REACH-Verordnung unterliegen. Also muss entweder ein EU-Unternehmen den Zertifizierungsprozess anstoßen. Oder Sie stellen Ihre Logistikkette um auf eine zertifizierte europäische Chemikalie.

Schutzrechte

Wir wissen noch nicht, ob, und wenn ja, welche Übergänge es geben wird. Es zeichnet sich jedoch ab, dass Patente, Gebrauchs- und Geschmacksmuster im Vereinigten Königreich nicht mehr gelten werden. Ob Sie dann in Großbritannien die in der EU bestehende Schutzrechte anmelden können oder wollen, sollten Sie heute prüfen. Denn nach dem Brexit wird ein Stau vor britischen Patent-Anwälten wohl unvermeidlich sein.


Die Steuern

Üblicherweise beschäftigen wir uns als Ersatzteillogistiker nicht mit den Steuern. So sind Änderungen der Ertrags- und Gewerbesteuern sicher eher bei den Finanzen zu hause.

Der ORF berichtet von den Dimemsionen, wie sich der Zoll im Hafen von Rotterdam auf dem Brexit vorbereitet: "Im günstigsten Fall – London und Brüssel schließen ein Freihandelsabkommen – brauche man 750 zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; im „No Deal“-Szenario 928."

Ganz anders sieht es bei der Einfuhrumsatzsteuer aus. Hier sind nicht nur Dokumentationspflichten zu beachten. Auch der importierende Spediteur tritt möglicherweise mit höheren als den bisher vertraglich vereinbarten Vorleistungen auf. Die hierfür neu zu regelnden Absicherungen können Sie bereits heute umsetzen.
Die EU-Kommission hat zu den Auswirkungen, die der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU in den Bereichen Zoll und Steuern haben wird, eine eigene Website eingerichtet.


Weiterführende Links

Checkliste der IHK
111 Orientierungspunkte zum Brexit des BDI
Preparedness notices der Europäischen Kommission, die es lange Zeit nur in Englisch gab
Guidance on how to prepare for Brexit if there's no deal der Britischen Regierung
Partnership pack: preparing for changes at the UK border after a ‘no deal’ EU exit der Britischen Regierung
Welche Auswirkungen hat der Brexit auf Ihre Warenströme? - Erläuterungen von Marcus Hellmann, KGH Customs
Carousel launches Brexit helpline, Erste aktive Hilfestellung aus speditioneller Sicht
Legislative initiatives and other legal acts der EU vom 19.12.2018, nur in englisch


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